Im Winter können wir nur wenige Pflanzen ernten. Die Landschaft wirkt leer, vieles ist abgeschlossen, zurückgezogen oder bereits vergangen. Gerade deshalb verändern sich auch die Möglichkeiten: Statt frischer Kräuter rücken Früchte, Vorräte und das in den Fokus, was den Übergang zwischen den Jahren begleitet.
Genau jetzt öffnet sich ein kleines, aber besonderes Zeitfenster. Nicht, weil plötzlich Neues wächst, sondern weil das, was lange unbeachtet am Strauch hing, nun überhaupt erst nutzbar wird. Die Schlehen gehören zu diesen wenigen Pflanzen, die ihren Moment nicht im Sommer haben, sondern im Winter.

Kurz zur Pflanze: Schlehe, Pflaume, Zwetschge – wie hängt das zusammen?
Die Schlehe (Prunus spinosa) ist eine eigenständige Wildart aus der Gattung Prunus und gehört damit in dieselbe Verwandtschaft wie Pflaume, Zwetschge und Mirabelle. Sie ist nicht die direkte „Wildform“ der Zwetschge, gilt aber als eine der wilden Ausgangsarten, aus deren Kreuzungen sich die Kulturpflaumen entwickelt haben. Man schmeckt diese Nähe: pflaumige Aromatik, aber wilder, herber und mit deutlich mehr Struktur durch Gerbstoffe.
Warum Frost für die Schlehen so wichtig ist
Die Schlehe wartet nicht auf Frost. Wir tun es.
Vorher ist sie für uns schlicht unerquicklich: hart, sauer, voller Gerbstoffe. Der Frost macht die Frucht nicht „reif“, sondern genießbar. Durch Kälte – oder ganz pragmatisch durch die Gefriertruhe – werden Zellstrukturen aufgeschlossen, die herbe Strenge mildert ab, Frucht und Aroma treten in den Vordergrund.
Rezept: Klassischer Schlehenlikör
Zutaten
1 kg Schlehen (nach Frost oder tiefgekühlt)
500 g brauner Kandiszucker
1 l klarer Zwetschgenschnaps (38–40 %)
optional: 1 Zimtstange oder ein kleines Stück Vanille (Ich persönliche lasse das weg, weil ich das Aroma unverfälscht haben möchte.)
Zubereitung
Schlehen waschen und leicht anquetschen. Die Kerne sollten ganz bleiben, wegen dem darin enthaltenen Blausäureglycosid Amygdalin, das bei Überdosierung Übelkeit und Erbrechen auslösen kann. Gleiches gilt übrigens auch für Kirsch- und Pflaumenkerne. Maximal drei Kerne kann man zerstoßen für ein dezentes Mandelaroma. Zusammen mit dem Zucker in ein großes, sauberes Ansatzglas geben. Alkohol angießen, bis alles gut bedeckt ist. Optional Gewürz zugeben. Glas fest verschließen und kühl sowie dunkel stellen.
In den ersten Wochen gelegentlich schwenken, damit sich der Zucker vollständig löst. Der Ansatz zieht mindestens 8–12 Wochen. Danach durch ein feines Sieb oder Tuch abseihen und in saubere Flaschen füllen. Wenn Du Geduld hast: Weitere 4–8 Wochen Reife machen ihn deutlich runder.
Traditionelle Heilkunde
Die Schlehe wird traditionell nicht als „stark wirkende Heilpflanze“ beschrieben. Charakteristisch ist ihr hoher Gehalt an Gerbstoffen, ergänzt durch Fruchtsäuren und sekundäre Pflanzenstoffe. Daraus ergibt sich eine zusammenziehende Wirkung, insbesondere im Bereich von Schleimhäuten und Verdauung.
Traditionell wurden Schlehenzubereitungen bei zu weichem Stuhl, bei Reizzuständen im Magen-Darm-Bereich sowie allgemein zur Stabilisierung nach Belastungen genutzt. Die Anwendung zielte nicht auf schnelle Effekte, sondern auf Ausgleich und Struktur.
Praxis-Tipps
Wenn die Schlehen sehr hart sind, hatten sie meist noch keinen Frost: dann entweder hängen lassen oder nach der Ernte mindestens 48 Stunden einfrieren. Für ein klareres Ergebnis den Likör nach dem Abseihen einige Tage stehen lassen und den Bodensatz nicht mit abfüllen. Wer es kerniger mag, nutzt Kandiszucker; wer es neutraler möchte, normalen Zucker.
Warnhinweis / Anwendungshinweis / Haftungsausschluss
Der naturheilkundliche und medizinische Wissensstand unterliegt einem fortlaufenden Wandel. Wir bemühen uns, aktuelle Erkenntnisse bei der Darstellung von Rezepturen und Therapiekonzepten zu berücksichtigen. Die Rezeptsammlung umfasst Rezepturen aus unterschiedlichen Bereichen, darunter historisch überlieferte Anwendungen, Konzepte der modernen Phytotherapie sowie eigene fachliche Zusammenstellungen und individuell entwickelte Rezepturen, die auf diesen Grundlagen basieren und entsprechend eingeordnet, überarbeitet oder angepasst wurden.
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